Bundesweites LEADER-Treffen 2025
Kunst und Kultur als Instrument der Regionalentwicklung
Die Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) lud im Mai zum bundesweiten LEADER-Treffen nach Chemnitz ein. Für die Stadt sowie 38 Städte und Gemeinden ist es ein besonderes Jahr: sie tragen gemeinsam den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“. Ein zentrales Thema des Treffens war deshalb, wie sich Kunst und Kultur auf die Gesellschaft auswirken und welche Ansätze des Kulturhauptstadt-Konzepts auf ländliche Räume übertragbar sind. Zudem lag der Fokus der Veranstaltung auf der Zukunft von LEADER und dem gemeinsamen Austausch über das Programm.
Die ersten Vorstellungen der EU-Kommission zum sogenannten mehrjährigen Finanzrahmen geben Hinweise darauf, dass die Haushaltsarchitektur der EU vereinfacht und flexibler wird. Erste Ideen zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2027 sind in der Vision für Landwirtschaft und Ernährung veröffentlicht. Die ländlichen Räume und LEADER sollen gestärkt werden, doch es ist noch unklar, über welche Instrumente dieses Politikfeld finanziert werden soll. So sind momentan noch viele Fragen offen: Wie weit sind die Planungen bezüglich LEADER für die nächste Förderperiode? Was kann bereits jetzt zur Position der Bundesregierung zur Zukunft von LEADER gesagt werden? Was machen die BAG LAG und ihre Partner aktuell für ländliche Räume und LEADER in Deutschland und Europa?
Zu diesen Themen referierten und diskutierten
● Iwona Lisztwan, Generaldirektion für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der Europäischen Kommission
● Frank Bartelt, Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung
● Hartmut Berndt, Bundesarbeitsgemeinschaft der LEADER Aktionsgruppen in Deutschland
● und Sandra Scheel, Landessprecherin für LEADER in Sachsen
Auf der anschließenden Kooperationsbörse und beim Diskussionscafe stellten LEADER-Regionalmanagements ihre Ideen für gemeinsame Projekte vor und führten Gespräche mit Interessierten. Im Diskussionscafé konnten sie sich zudem mit anderen in LEADER-Aktiven zu Themen wie Jugend (in der Region halten), Selbstevaluierung, Arbeitshilfen im LEADER-Alltag austauschen.






C the Unseen – Kulturhauptstadt zum Mitmachen
Getreu dem Motto der diesjährigen Kulturhauptstadt erkundeten die Teilnehmer am Nachmittag einen Teil von Chemnitz und machten sich selbst ein Bild davon, wie Kunst und Kultur die Stadt und das Miteinander vor Ort mitgestalten. Immer im Hinterkopf dabei die Frage, wo es Anknüpfungspunkte für die Kulturarbeit mit LEADER gibt. Denn das Programm der Kulturhauptstadt bezieht neben Chemnitz auch die ländlichen Regionen im Umland mit ein.
Die anschließende Diskussion mit Frizzi Seltmann, Mitarbeiterin der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 gGmbH, und Nico Dittmann, Bürgermeister der Stadt Thalheim/Erzgebirge, bot Gelegenheit, die Eindrücke der Stadtrundgänge zu reflektieren.
Im Gespräch mit den beiden wurden die Schnittmengen zwischen LEADER und dem Ansatz der Kulturhauptstadt deutlich: Teilhabe möglichst vieler Menschen, Engagement und das praktische Mitgestalten der Region sind zentrale Elemente in beiden Programmen. Ebenso besteht der Anspruch, den europäischen Gedanken sichtbar und erlebbar zu machen sowie den Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Hintergründe anzuregen. Kunst und Kultur können dabei ein Weg sein, diese Elemente langfristig zu stärken.





Exkursionen in die LEADER-Regionen im Chemnitzer Umland
Praktische Eindrücke von der LEADER-Arbeit erhielten die Teilnehmenden bei den Exkursionen in die elf LEADER-Regionen rund um Chemnitz. Dort konnten sich die Teilnehmenden gelungene LEADER-Projekte anschauen und im direkten Austausch mit Projektträgern sowie Regionalmanagements zu aktuellen Erfahrungen und Herausforderungen in der Arbeit sprechen. Bei der Exkursion in die LEADER-Regionen Schönburger Land und Tor zum Erzgebirge konnten neue Impulse und Anregungen für unsere Region mitgenommen werden.
Zuerst besuchten wir die LEADER-Region Schönburger Land mit dem Projekt „Trauerhalle St. Egidien – Raum für Erinnerung und Begegnung“. Die ursprüngliche Halle von 1902 musste durch einen modernen Neubau ersetzt werden musste. Die neue Trauerhalle verbindet Funktionalität mit Ästhetik und ermöglicht neben kirchlichen und weltlichen Beisetzungen auch kulturelle Veranstaltungen. Ein Architekturwettbewerb entschied über die Gestaltung, die das Kulturerbe wahrt und das Ensemble von Kirche und Friedhof aufwertet. Die barrierefreie Feierhalle dient nun als Ort des Abschieds, aber auch der Begegnung für die umliegenden Gemeinden.


Die zweite Station unserer Tour führte uns in das Kultur Palais Lichtenstein. Dort wird im Kulturhauptstadtjahr 2025 die Ausstellung „Textile Bilder“ gezeigt, die das textile Erbe der Region in den Fokus rückt. Die dort ausgestellten 60 Werke des Lichtensteiner Künstlers Ulrich Reimkasten, verbinden künstlerischen Ausdruck mit historischer Industriekultur. Die über LEADER geförderte Ausstellung würdigt nicht nur sein Lebenswerk, sondern stärkt auch den Kulturstandort und die touristische Entwicklung. Außerdem ist die Ausstellung Teil des Kunst- und Skulpturenweges „PURPLE PATH“, dem Aushängeschild der Kulturhauptstadt Chemnitz. Ein Highlight der Ausstellung ist das „Lichtensteiner Tafeltuch“, ein beeindruckendes 100 Meter langes Kunstwerk welches von der traditionsreichen Weberei F. A. Kreißig & Sohn nach einem Entwurf von Reimkasten umgesetzt wurde. An diesem Tafeltuch fand ein großes Bürgerpicknick statt und alle Teilnehmer konnten anschließend ein Stück des Tafeltuches als Erinnerung mit nach Hause nehmen.



Weiter ging es in die LEADER-Region Tor zum Erzgebirge. Dort machten wir zunächst Halt am Hofmarkt der Familie Ziegs in Jahnsdorf. Die Neulandgewinner haben vor wenigen Jahren den Dorfverein „Jahnsdorf trifft sich“ gegründet und organisieren Mitmach-Werkstätten, Wanderungen, Baumpflanzungen oder frühstücken auch gern einmal mit dem ganzen Ort an einer langen Tafel. Mit dem LEADER-Projekt „ERZscheune – alle VereinT“, einem fotografischen Kunstprojekt zweier ehemaliger Milchviehbetriebe, wird Familie Ziegs Teil des „Purple Path“. Eine alte, ortsbildprägende Scheune, ein sogenannter „Stadl“ wurde dabei aus dem Allgäu abgetragen und in Jahnsdorf bei Familie Ziegs wieder aufgebaut. Ab- und Aufbau wurden dabei von der Künstlerin Anastasia Khoroshilova fotografisch begleitet und so zu einem Kunstprojekt. Der Kurator des Skulpturenpfades „Purple Path“, Alexander Ochs, erläuterte uns vor Ort die Idee und Entstehungsgeschichte des Projektes, welches sich aktuell noch in der Umsetzungsphase befindet. Später soll die Scheune den Menschen in Jahnsdorf als Begegnungs- und Veranstaltungsort zur Verfügung stehen.



Unseren letzten Halt machten wir ebenfalls in der Gemeinde Jahnsdorf. Hier befindet sich das Kunstwerk „Modified Social Bench for Jahnsdorf“ des international renommierten dänischen Künstlers Jeppe Hein. Inspiriert von den Bänken im New Yorker Central Park und aus seiner Auseinandersetzung mit Themen wie „Nähe und Distanz“ entwickelte der Künstler eine ganze Serie von Skulpturen mit dem Titel „Modified Social Bench“, sie stehen unter anderem in Berlin, New York, Kopenhagen oder Singapur. Eine solche Bank steht nun auch im kleinen Jahnsdorf. Sie ist so gestaltet, dass ihre Nutzung zu einem sowohl körperlichen als auch nonverbal kommunikativen Akt wird. Wir sind eingeladen, Platz zu nehmen. Heins speziell für den Standort Jahnsdorf konzipiertes Bankobjekt bildet durch Rundungen und Höhenunterschiede einen Parcours, der zum dynamischen Sitzen, Liegen oder auch Rutschen einlädt. Auf spielerische Weise löst er so auch das gängige Prinzip des Verbots der direkten Berührung oder Benutzung von Kunst auf und stellt Fragen nach den Konventionen im Umgang mit dem Kunstwerk. Auch diese Bank ist Teil des „Purple Path“.



